Zurück ins Leben

Mai 28

Cacaos Weg aus dem mentalen Koma

Die Geschichte von Cacao, einem zwölf jährigen Trakehnerwallach und seiner Besitzerin Kerstin beweist auf eindrucksvolle Weise, dass die größten Veränderungen nicht durch jahrelanges Training und Konditionierung erreicht werden, sondern durch gezielte Anwendung von natürlichen Prinzipien, die universell gelten.

Cacao gehörte eindeutig zu den Pferden, die ich gerne als „Sleeping Dragon“ bezeichne und Kerstin zähle ich zu den Menschen, die trotz ihrer kritischen Haltung neuen Dingen gegenüber äußerst offen war.

Kerstin lernte ich Ende letzten Jahres kennen und ich weiß noch wie verzweifelt sie war, als sie mir von ihrem Problem mit Cacao erzählte. Er sei zwar noch nie der Fleißigste gewesen aber mit der Zeit sei es immer schwieriger ihn vorwärts zu reiten, er verweigere sich und mache bei dem kleinsten bisschen Druck dicht. „Es gibt Tage, da bekomme ich ihn kaum in die Halle und am Ende der Stunde bin ich dann meistens so frustriert, dass ich mich frage, ob ich ihn nicht einfach in Ruhe lassen soll…“ Osteopathen, Physiotherapeuten und Tierärzte hatte sie konsultiert und auch den Sattel überprüfen lassen – alles ohne Befund. Auch ließ sie sich seit Jahren von professionellen Reitlehrern und Ausbildern schulen aber auch die konnten Cacao nicht aus der Reserve locken. „Wir haben ihn gymnastiziert, z. B. Seitengänge erarbeitet und viele Übergänge geritten, Tempiwechsel um ihn zu fordern, aber an seiner Grundhaltung hat sich dadurch überhaupt nichts geändert“, beschreibt Kerstin ihren Weg mit Cacao.

In dem Bestreben ihm den Druck zu nehmen, versuchte sie es eine Weile mit Vorwärts-Abwärts Reiten und anfänglich sah es auch so aus, als würde es ihm helfen, aber nur solange er unter Tempo blieb. Sobald Kerstin aber versuchte ihn aus seiner Komfortzone zu bewegen, klemmte er wieder und es schien, als ob der Widerstand von mal zu mal stärker würde.

„Michi, ich habe wirklich alles versucht…habe sogar den Stall gewechselt. Dort hat er alles, was er braucht aber sein Problem hat sich dadurch nicht gelöst. Ich weiß es klingt komisch aber er fühlt sich an, als sei er in einer Art Koma….Ich komme nicht an ihn heran.“

Auf „Werkseinstellung“

Ich wusste, wovon sie sprach und obwohl ich ihr Pferd noch nicht gesehen hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass ich ihr helfen konnte. „Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, müssen wir an den Kern gehen“, sagte ich ihr. Eben dort ansetzen, wo alles entsteht. Im Prinzip ging es darum Cacao wieder auf „Werkseinstellung“ zurückzusetzen. Erst dann könne man seine Blockade lösen. Es sei wichtig seine Fü.e zu bewegen, zuerst am Boden und dann unter dem Sattel.

Fast alle Pferde sind schon nach diesem ersten Reset komplett verändert. Ich weiß, wie verrückt das für jemanden klingen muss, der so etwas zum ersten Mal hört, aber ich habe schon viele Veränderungen dieser Art erlebt. Wir trafen uns am Stall und begannen unsere erste Trainingseinheit in einer kleinen Bewegungshalle.

Es war Dezember und es war kalt. Ich justierte das Knotenhalfter, hakte den langen Strick ein, übergab Kerstin die Flag und sagte ihr, dass sie, nachdem Cacao aufgewärmt war, mit ihm so arbeiten solle, wie sie es immer tue.

Auf Kerstins Versuche ihn vorwärts zu schicken, reagierte er mit Widerstand, so wie sie es beschrieben hatte. Er legte die Ohren an, schlug mit dem Kopf und lief sehr verhalten. Mehr brauchte ich nicht zu sehen. Für mich war klar, dass ich Cacao wieder wecken, ihn daran erinnern, dass er ein Pferd war. Wenn er das wieder wusste, konnte die Quelle wieder sauber sprudeln und alles Weitere würde sich daraus ergeben.

Sämtliche Probleme, die mit Passivität im weitesten Sinne zu tun hatten, würden sich so auf natürliche Weise lösen und das alles ohne Konditionierung, Gewalt oder technisches Feuerwerk. Dieses Prinzip ist übrigens genauso wirksam bei Problemen, die mit Aggression oder Nervosität zusammenhängen.

Wie der richtige Weg alles verändert Kerstin nickte mir nun entschlossen zu und übergab mir ihr Pferd. Ich nahm den Strick in die eine, meine Flag in die andere Hand und los ging’s. Mit deutlicher Körpersprache und klaren Signalen forderte ich Cacao auf sich zu bewegen. Als er, wie zu erwarten blockierte und rückw.rts lief, blieb ich so lange aktiv, bis er begann den Weg nach vorne zu suchen. Dann, von einer auf die andere Sekunde fing er an seine Fü.e zu bewegen – in einer Art, wie es nur bei Pferden zu beobachten ist, die wirklich frei sind. Es folgten einige Richtungswechsel, die ich dazu nutzte ihn noch mehr auf die Hinterhand zu bringen und frei in der Schulter zu machen. Cacao war jetzt das, was ich „AN“ nenne.

Nun war der perfekte Zeitpunkt ihm eine Pause zu geben, was ihn sicherlich genauso überraschte, wie Kerstin, die ihr Pferd noch nie so wach und zufrieden gesehen hat.

Ein paar Tage später trafen wir uns dann für unsere zweite Session. Es war interessant, dass sich schon das Führen verändert hatte, obwohl wir daran nicht gearbeitet hatten. Während Cacao sich sonst immer ziehen ließ, hielt er jetzt locker mit Kerstin Schritt, ohne Zug auf dem Strick zu haben. Die Aktivierung am Boden dauerte nicht lange. Kerstin erinnerte ihn nur daran, dass er vorwärts gehen sollte und er tat es, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Jetzt war es an der Zeit Cacao unter dem Sattel zu sehen und sich ein Bild von Kerstin als Reiterin zu machen. Bevor ich meine Kunden durch einen Reset-Prozess unter dem Sattel führe, muss ich ganz sicher sein, dass sie auch die Fähigkeit dazu haben dies umzusetzen. Wenn ich nur den geringsten Zweifel daran habe, übernehme ich für gewöhnlich diesen Part. Ich ließ Kerstin erst einmal so reiten, wie sie es gewohnt war und es war offensichtlich, dass sie mit der Umsetzung meines Ansatzes keine Probleme haben würde. Sie hatte eine gute Balance und eine hohe Auffassungsgabe. Das reichte.

Ich erklärte ihr nun, wie sie Cacao ganz gezielt und mit wenig Aufwand antreiben konnte und zeigte ihr genau was sie tun musste, wenn er blockieren sollte. Ganz bewusst verzichteten wir zu dem Zeitpunkt auf Sporen und Gerte. Bei den meisten Pferden ist das auch nicht nötig, weil die Hilfen, mit denen ich arbeite oft so anders sind, dass der Überraschungseffekt alleine schon reicht, um erste Veränderungen einzuleiten.

Nach ein paar Minuten hatte Kerstin das Prinzip verstanden und Cacao begann anzuziehen, wie ein Springpferd vor dem Sprung. Sobald er vorwärts dachte, bat ich sie ihn wieder zurückzunehmen und ihn in Ruhe zu lassen. Nach einer Weile wurde selbst das Durchparieren etwas schwieriger, was nur ein Zeichen für den nach vorne gerichtete Gedanken war. Wir waren definitiv auf dem richtigen Weg.

Entscheidend bei dieser Arbeit ist das Timing des Reiters. Fordert er zu viel oder zu wenig Bewegung und honoriert er die Versuche des Pferdes nicht, kann die junge Motivation des Tieres so schnell verschwinden, wie sie gekommen ist. Je ausgeprägter jedoch die Fähigkeit des Reiters ist, flexibel auf jede noch so kleine Veränderung einzugehen, umso schneller kann das Pferd wieder in seine natürliche Balance kommen, den optimalen Zustand für mentale Gelassenheit und körperliche Belastbarkeit.

Nichts für Kontrollfreaks

Bei den nächsten Trainingseinheiten ging es nun darum Cacaos neuen Schub in Beweglichkeit und Kraft umzulenken, ohne den Antrieb zu verlieren. Wir erreichten dies durch eine verstärkte Aktivierung des inneren Hinterbeins bei gleichzeitiger lateraler Biegung in der Bewegung. Darüber hinaus entdeckte Kerstin wie wertvoll das Rückw.rtsrichten sein kann und wie es ihr auch beim Vorwärtsreiten half. Sie erkannte, dass es nicht um die Übungen an sich ging, sondern immer um die Qualität dahinter.

Ich glaube ich muss nicht erwähnen, dass Kerstins Augen mindestens genauso strahlten, wie die ihres Pferdes und sie fragte sich, warum ihr bis dato niemand so etwas beigebracht hat, wo es doch so logisch und effektiv war.

Sie hat recht: das Prinzip war denkbar einfach und gleichzeitig doch so schwer, weil es zum einen im Gegensatz zu dem steht, was üblicherweise gelehrt wird und zum anderen das Vertrauen in die Natur des Pferdes und in die eigenen Fähigkeiten zur tragenden Säule erklärt und damit wenig Raum für Kontrollzwang lässt.

Jetzt 5 Monate später ist Cacao ein anderes Pferd. Es gab nicht einen Tag, seit der ersten Begegnung in der kleinen Halle, an dem er wieder in sein altes Muster gefallen ist. Mit jedem Training wird er kräftiger, leistungsbereiter und beweglicher und das völlig ohne Drill. Gezieltes Krafttraining, das heißt intensive und kurze Einheiten in Verbindung mit auf den Punkt gesetzte Pausen haben Cacao zu einem sehr athletischen und ausdrucksstarken Pferd gemacht und Kerstin zu einer glücklichen Reiterin, die froh ist, nach langen Jahren des Suchens den endgültigen Durchbruch geschafft zu haben.

So long, Eure

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Über Michaela Koelbl

In über 20 Jahren Arbeit mit den unterschiedlichsten Pferden und Menschen im In-und Ausland konnte sie eine Trainings-Philosophie entwickeln, die Rittigkeitsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, sowie Verladeprobleme von Sport-und Freizeitpferden gewaltfrei und effektiv löst.

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