„Hacken Tief, Schultern Zurück Und Fäuste Hoch“

Feb 29

Die wohl bekannteste Erkennungsmelodie in deutschen Reitschulen und warum sie immer noch funktioniert….

Ich habe Glück an diesem verregneten Samstag Nachmittag überhaupt noch einen Parkplatz zu finden und genieße es mich gegen meine Gewohnheit einfach mal treiben zu lassen. Ich bin nicht in Eile und habe mich angeboten Lilly, mein Patenkind hier abholen, die seit kurzem eine Reitbeteiligung an einem Pony hat.

Beim Aussteigen werde ich von einer Horde freundlicher und dreckiger Hunde begrüßt, die hier scheinbar ebenso zum Inventar gehören wie einige Angestellte, die den Eindruck erwecken schon ihr ganzes Leben hier verbracht zu haben- einem Reitstall mitten in der Stadt.

Nach längerem Suchen finde ich Lilly in der Box, wie sie in völliger Hingabe das Fell ihres dicken Pflegeponies putzt. Sie sagt sie sei schon geritten und würde sich gerne noch ein bisschen mehr um ihre Anna kümmern und sie nachher noch ein bisschen grasen führen. Es gibt hier keine Weiden. Ob das o.k für mich sei, will sie wissen. Ich nicke ihr zu, weiß ich doch wie wichtig das Zusammensein mit einem Tier ist und was es mit einem macht.

Ich erkunde vorsichtig die Umgebung und treffe auf ausrangierte Kaffeemaschinen, halb leere Katzenfutter Dosen, kaputte Mistboys und Hexenbesen, die liebevoll geflickt immer noch im Dienst sind; angebundene und gesattelte Pferde, die genervt im Duett scharren und überall Menschen. Ultra schlanke junge Mädchen perfekt gestylt, durchschnittlich gekleidete Mädels in Chucks und karierten Socken, ehrgeizige Mitt- Dreissiger, die schon durch ihre Haltung zu Verstehen geben, dass alles, was sie machen, perfekt ist. Frauen um die 50, die hochkonzentriert diverse Plastikschalen mit geschälten und mundgerecht geschnittenen Möhren und Äpfeln für ihre Lieblinge füllen…

Bis auf wenige Ausnahmen ist der Reitstall in weiblicher Hand.

Ich wage mich an die Bande der Reithalle und geselle mich neben die zahlreichen Schaulustigen, die erwartungsvoll nach ihrem Pendant Ausschau halten.Ich bin umringt von gestressten Müttern, die eigentlich gar keine Zeit haben dort zu sein, sich aber große Mühe geben dies nicht zu zeigen, weil sie fest davon überzeugt sind, dass Reiten neben Tennistraining, Ballett- und Klavierunterricht für ihr Kind ein wichtiger Ausgleich ist, und gleichzeitig die emotionale Intelligenz fördert.

Ich unterhalte mich locker mit einem jungen Quotenmann, den man eher in Discos vermuten würde als in einem staubigen und geruchsintensivem Reitstall. „Ich habe keine Ahnung von Pferden”, sagt er. „Ich bin nur für meine Freundin mitgekommen.” In dem Moment trifft ihn der ungeduldige Blick seiner Begleitung, die ihm unsanft ihre Abschwitzdecke entgegen schleudert und sich lauthals über seine Unachtsamkeit beschwert. Er nimmt’s fast schon zu cool und sagt: „die ist immer so… die ist aufgeregt, weil sie gleich Stunde hat…“

Ich bin offensichtlich zur richtigen Zeit gekommen. Mittlerweile zähle ich 8 Reitschüler von geschätzten 12 Jahren bis gut gehaltenen Mid Vierziger Damen, alle auf ihren Schulpferden und bereit für ihren Auftritt. Meine Zufallsbekanntschaft erzählt mir, dass es fast immer Stress gibt, was die Verteilung der Schulpferde angeht. „Es gibt Pferde”, sagt er, „die jeder reiten will und andere, die gemieden werden, weil sie so schwierig sind, aber Steffi hat jetzt schon seit drei Monaten ihr Wunschpferd.” Ich glaub’s sofort.

Es geht los! Der Reitlehrer kommt.

Eine elegante und sehr dominante Erscheinung, Anfang 60, betritt selbstbewusst sein Revier und nimmt auf dem Stuhl in der Ecke platz.Ich zucke zusammen, als seine Stimme ertönt, die von ihrer Lautstärke und Intensität etwas von einem ausgebildeten Drill Instruktor von der US Navy hat. Ich ertappe mich, wie ich fast in Trance den Kommandos, die bis zum Ende der Stunde auf die Reitschüler einprasseln, verfallen bin. Es ist ein seltsames Gefühl, das sich bei mir einstellt. Es ist eine Mischung aus dem Wunsch zu gehorchen und dem Drang sich zu widersetzen und das obwohl ich nur passiv an der Seitenlinie stehe. Niemand, auch nicht die selbstbewusste Freundin meines Bandennachbarn traut sich auch nur ein Mucks von sich zu geben.

Ich bin geschockt und gleichzeitig schwer beeindruckt von so viel Disziplin und ich ringe noch mit mir ob ich Mitleid mit den armen Schülern haben soll oder ich ihnen nicht doch Respekt vor so viel Mut und Stärke zollen muss.Die mittlerweile hochroten Köpfe der Reitschüler, die sich wie Wackeldackel auf angespannten Schultern bewegen und ihre festen Körper und die ihrer Pferde zu Höchstleistungen zwingen, führen jeden Befehl soldatenhaft aus. So sehr ich mich auch bemühe, ich höre weder ein „gut gemacht“, noch ein „schön, weiter so.“ Wen wundert es da noch, dass den Pferden die gleiche Behandlung zuteil wird wie die ihrer Reiter. Es ist eine sonderbare Form der Solidarität, die Mensch und Tier zusammenschweißt.

Mit einem gequälten Gemeinschaftslob, bei dem die Reiter die vereinzelt ausgebundenen Hälse ihrer Pferde mechanisch abklopfen, wird die Stunde pünktlich beendet um noch beim Hinausgehen hektisch das Smartphone nach verpassten Nachrichten zu checken. Während die nächste Gruppe schon in der Stallgasse auf ihren Einlass wartet, suche ich schon fast panisch das Weite und liefere damit den Beweis für meine offensichtliche Unfähigkeit mich den Härten des Lebens zu stellen und demütig Kritik anzunehmen.

Ich bin mir sicher, dass ich bei der ersten verbalen Attacke des Reitlehrers vor versammelter Mannschaft in Tränen ausgebrochen wäre oder mich unter Umständen lauthals mit ihm angelegt hätte. Wer hier bestehen will muss von einem starken Teamgeist beseelt sein, der das eigene Wohlergehen hinten anstellt.

Lilly kommt mir entgegen und wartet darauf, dass ich den Wagen aufschließe. Auf dem Parkplatz erkenne ich eine Mutter, die jetzt mit ihrer sichtlich erschöpften aber glücklichen Tochter in ihren frisch gewaschenen Geländewagen neben mir steigt.

Lena liebt Pferde

Ich spreche sie an und frage sie, wie lange sie, bzw. ihre Tochter schon dabei sei und bin erstaunt als sie mir erzählt, dass es jetzt schon fast 4 Jahre sind. 2 Mal die Woche und am Wochenende auch schon mal ein Turnier. „Wissen Sie“, sagt sie, während sie die dreckigen Reitstiefel in den Kofferraum legt und ihrer Tochter eine Flasche Wasser reicht, „ Lena liebt Pferde…“.Wir fahren nach Hause und mir gehen viele Dinge durch den Kopf….

So einfach ist das also, denke ich mir. Und das ist alles? Klar, welches Mädchen ist nicht verrückt nach Pferden? Aber was ist mit denen jenseits von 12? Ist es bei den 30+ Frauen und Männern auch die Liebe zu den weichen Fellnasen, die über so manche robuste Behandlung einer autoritären Instanz hinwegsieht und die zum Teil haarsträubenden Trainingsmethoden der Pferde nonchalant abnickt?Ich frage mich, wie es sein kann, dass obwohl es nachweislich pädagogisch wertvollere und effektivere Methoden der Menschen-und Pferdeerziehung gibt, dieses Relikt aus grauer Vorzeit, offenkundig immer noch Hochkonjunktur hat.Aber vielleicht geht es darum auch gar nicht …

Man geht nicht in Reitställe um sein Ego gestreichelt zu bekommen, sondern um es zu stählen.

Was wäre, wenn es gar nicht um Pferdeverstand und moderne Menschenführung geht, sondern vielmehr um den Wunsch der gelangweilten und in Routine erstickten Schreibtischtäter nach Staub, Dreck und einer ehrlichen Auseinandersetzung mit Mensch und Tier?

Möglicherweise ist es auch das Gefühl eines stillen Triumphs, das sich spätestens auf der Fahrt nach Hause einstellt – Etwas geschafft zu haben, dem Reitlehrer oder der Lehrerin die Stirn geboten und nicht aufgegeben zu haben – tut doch gut. Vielleicht ist es auch das Bedürfnis nach klarer Ansage ohne Wenn und Aber und der Sehnsucht nach unerschütterlicher Führung. Ich weiß es nicht. Es muss befreiend sein für 45 anstrengende Minuten seine Verantwortung mit ruhigem Gewissen abgeben zu können und sich im Gleichtakt der Gruppe zu bewegen. Kein selbstständiges Denken, keine Entscheidungen treffen, die falsch sein könnten, keine Maßregelungen.

Befehle ausführen und Klappe halten. Großartig!

Das Interessante daran ist, dass es diese blinde Befehlsverrichtung, aus welchen Gründen auch immer, schafft den gesunden Menschenverstand, den wir ja gerne für uns reklamieren, leichtfüßig auszuhebeln. Da fragt man sich, ob der Herr Doktor, die Frau Staatsanwältin oder andere schlaue Menschen die Macht über ihren Verstand mit ihrer Jacke auf der Bande abgelegt haben.

Da wird der Sperrriemen mit voller Kraft um das Pferdemaul geschnürt, weil der Reitlehrer sagt, das das man das so macht, obwohl es jedem Reitschüler dabei den Magen umdrehen müsste. Tut es aber nicht. Selbst heftigster Einsatz von Gerte, Sporen und Schlaufzügeln wird auch nur ohne die scheinbar geringsten Skrupel ausgeführt, weil es die Autorität verlangt, weil es alle machen oder weil die Angst vor potentiellen Sanktionen größer ist als das Vertrauen in unsere eigene innere Stimme.

Es entsteht der Eindruck als ginge es um einen internen Wettkampf, bei dem jeder auf seine Weise versucht den Reitlehrer mit seinem blinden Gehorsam zu beeindrucken, wie Soldaten, die für ihren Anführer in den Krieg ziehen. Auch wenn es bei einer durchschnittlichen Reitstunde nicht um Leben oder Tod geht, greifen hier augenscheinlich die gleichen Mechanismen, die bei einem Ausnahmezustand aktiviert werden, wenn auch in abgeschwächter Form.

Bloß nicht untergehen und zugeben, dass man nicht mithalten kann. Wenn aus der Ecke der berühmte Dreisatz „Hacken tief, Schultern zurück und Fäuste hoch“ ertönt, bleibt keine Zeit mehr sich um andere Dinge, wie z.B. den Befindlichkeiten seines Transportmittels zu kümmern. Es wäre ein Zeichen von Schwäche und würde den Rhythmus der Gruppe empfindlich stören. Es wird alles gegeben, aber erst wenn Gewissheit herrscht, dass die Autorität, die gehuldigt wird, auch eines Einsatzes würdig ist. Es wäre viel zu gefährlich sich nur auf sein Bauchgefühl zu verlassen, besonders wenn dies konträr zu der Meinung der Masse verläuft.

Zu diesem Zweck gibt es zahlreiche Scheine, die uns vor den schwarzen Schafen schützen und uns Sicherheit geben, dass wir es mit anerkannten Spezialisten und Profis zu tun haben.Es braucht hier zu lande nicht viel um sich einen Expertenstatus zuzulegen. Ein paar erfolgreiche Turnierteilnahmen auf Kreisliga Niveau reichen in Einzelfällen schon aus, unschlagbar ist ein Reitabzeichen und den gefühlten Beamtenstatus bekommt man spätestens mit einem heißbegehrten Trainerschein dazu. Wenn die Autorität von einer anderen Autorität autorisiert wurde, dann darf es keinen Zweifel mehr an ihrer Unantastbarkeit geben.

Scheine und Zertifikate machen das Leben leichter.

Sie helfen uns eine Entscheidung zu fällen, ohne unseren eigenen Verstand anzustrengen und eventuell noch Gefahr zu laufen in einem moralischen Konflikt zu geraten.Kommen wir zurück zu der Frage, warum es möglich ist, dass selbst intelligente, engagierte und gewissenhafte Menschen im Dunstkreis eines Reitlehrers zu handlungsunfähigen Marionetten mutieren und zum Inbegriff von devoten Ja-Sagern werden.Ganz weit vorne im Ranking hat es das Argument der Unwissenheit geschafft, erstaunlicherweise nicht nur unter den Anfängern. Etwas nicht zu wissen, erfüllt uns meist nicht mit Stolz, wird aber, wenn es darum geht, irrationales und offensichtlich grobes Fehl-Verhalten zu entschuldigen, gerne als Rechtfertigung genutzt. Da versuchen wir uns mit der nicht sonderlich originellen Floskel „Ich wusste es nicht besser“ die Generalabsolution für unsere Passivität zu erteilen und hoffen damit unser schlechtes Gewissen zu besänftigen.

 

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir unsere Dummheit zum Sündenbock für unsere Trägheit machen.

Wir sollten uns stattdessen auf unser intuitives Gespür für Recht und Unrecht besinnen und als letzte Instanz darauf vertrauen, so selbstverständlich wie es die Kinder tun, bevor sie ihren Eltern auf dem Weg der Anpassung folgen…

Nur sehr wenige Menschen würden ehrlich zugeben ab und zu dem Herdentrieb der Masse erlegen zu sein und sich in Notfällen der Killerphrase „ die anderen machen das auch alle…“ bedient zu haben.

Dass es Momente gibt, in denen wir unseren Kopf aus der Schlinge der Eigenverantwortung ziehen wollen ist menschlich und auch nachvollziehbar. Dennoch:

 

Falsches wird nicht richtiger, wenn es von vielen praktiziert wird.

Auch die Mehrheit kann sich irren. Schnell werden aus früheren Missverständnissen und Fehlinterpretationen Mythen, die sich wie eine dicke Betonmauer vor unsere eigene kleine Meinung schieben und Zweifel an unserem eigenen Verstand sähen.

Zugegeben, es erfordert eine große Portion Mut, Selbstvertrauen und Konfliktbereitschaft sich gegen eine gewaltige Masse zu stellen, die keinen Zweifel an der Gültigkeit seiner Überzeugungen hat. Aus Feigheit, Bequemlichkeit oder Angst vor den potentiellen Folgen eines persönlichen Aufstands, wählen wir oft den Weg des geringsten Widerstands und machen uns Glauben, dass wir in Wirklichkeit die Klügeren sind.

Nicht wenige von uns verstehen devotes Verhalten als Tugend, nicht nur, weil es gesellschaftliche Vorteile mit sich bringt, sondern weil es uns der Verantwortung entbindet, die jedes selbstbestimmte Verhalten für sich reklamieren würde. Die Rede ist von Autoritäten-Hörigkeit, die schon früh mit unseren angeborenen Instinkten in Konkurrenz geht.

Es geht nicht darum aus Prinzip Befehle zu verweigern oder in frühpubertäre Rebellion zu verfallen, sondern sich nach dem Sinn, bzw. Unsinn gewisser Weisungen zu fragen, bevor man sie unreflektiert ausführt.

Bei all den Diskussionen um Verantwortung, Peer Pressure und Moral sollten wir uns ehrlich fragen, was unsere Herzen wirklich zum Singen bringt, die Melodie staubiger Überbleibsel aus vergangenen Tagen oder schlicht und ergreifend die unschuldige Liebe zum Pferd.

 

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Über Michaela Koelbl

In über 20 Jahren Arbeit mit den unterschiedlichsten Pferden und Menschen im In-und Ausland konnte sie eine Trainings-Philosophie entwickeln, die Rittigkeitsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, sowie Verladeprobleme von Sport-und Freizeitpferden gewaltfrei und effektiv löst.

  • K. haid sagt:

    Ein wirklich sehr guter Artikel! Regt zum Nachdenken an und beinhaltet viele Konflikte in denen ich persönlich auch schon stand.

  • Tanja Go mit Bubi sagt:

    Ein sehr guter Artikel. Warum haben wir als Kind angefangen zu reiten? Drill erleben zu wollen war es sicher nicht und doch gibt es noch viele Überbleibsel aus dieser alten Zeit. Für mich fühlte sich das damals irgendwie falsch an, doch wenn man reiten wollte, gab es keine Alternativen.

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