Gut Ding will Weile haben

Apr 24

Es ist unglaublich aber man kann mit Pferden die verrücktesten Sachen machen. Man kann sie auf Podeste stellen, mit ihnen spielen und Clickertraining machen. Manche können sogar in fahrende Hänger galoppieren, auf Kommando steigen und sich hinlegen. Zugegeben, solche Tricks sind beeindruckend und lassen auf ein sehr stabiles Verhältnis zwischen Mensch und Pferd schließen aber der Schein kann auch trügen. Spätestens, wenn Pferd und Dompteur ausserhalb ihrer Manege mit plötzlichen Veränderungen konfrontiert werden, zeigt sich, ob das Pferd nur trainiert oder auch balanciert ist, ob es wirklich entspannt ist oder nur gelernt hat auszuhalten.

Das Hundeplatz-Syndrom

Ich beobachte immer wieder, dass selbst gut trainierte Pferde in realen Situationen
völlig ihre Fassung verlieren und plötzlich zu instinktgesteuerten Wesen mutieren
und damit ihre Besitzer in echte Schwierigkeiten bringen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Mehrheit der Sport-und Freizeitpferde demotiviert,
sauer oder abgeschaltet ist und ihre Reiter aus Überzeugung, Zeitdruck oder schierer
Verzweiflung vielfach zu Mitteln greifen, die nur einem Zweck dienen – Kontrolle über die Instinkte der Pferde zu erlangen, sie zu bekämpfen, zu besänftigen oder zu
überlisten.

Die Bestrafungs-Taktik findet man verstärkt in der Sportreiterei, wo es um Geld, Ruhm und Macht geht. Die meisten Pferde beugen sich dieser „Methode“und lernen sich systematisch zusammenzureissen, büßen jedoch immer mehr an Ausdruck, Leichtigkeit und Schub ein.

Die Besänftiger hingegen schwören auf Liebe und mütterliche Fürsorge und halten ihren Pferden jede potentielle Gefahr vom Leib. Geritten wird, wenn überhaupt, klassisch im Stil der Indianer, entweder mit Knotenhalfter oder Halsring und am
liebsten ohne Sattel.

Gewöhnlich sind Pferde dieser Fraktion physisch und psychisch nicht sehr belastbar.
In den letzten Jahren hat sich eine Mischform entwickelt, die versucht den dominanten und sanften Ansatz zu kombinieren, indem sie Pferde „spielerisch“ zu gehorsamen „Partnern“ erzieht, die auf Fingerzeig so ziemlich alles machen, was man sich vorstellen kann.

Zu erschüttern sind diese Exemplare kaum noch und das sieht man ihnen auch an. Sie erinnern an willenlose Zombies, mit leeren Augen. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, ob es eine Alternative gibt und wenn ja wieviele…

Es gibt sie und das Interesse ist da, aber aus den unterschiedlichsten Gründen hat diese Option gegen ihre etablierten Konkurrenten noch keine reale Chance.

Alte Meister in virtuellen Räumen

Auch wenn sich viele Social Networker in den einschlägigen Foren sehr euphorisch zu den ursprünglichen Lehren alter Meister und Horsemen äussern und allzu gerne das ein oder andere Zitat einer verstorbenen Reiterlegende aus dem Ärmel ziehen, gehen sie doch am liebsten bei Muttern essen.

Da wird stundenlang über den Sinn oder Unsinn von Vorwärts-Abwärts Reiten diskutiert, es wird geliked und geteilt, was das Zeug hält aber am Ende stehen die
meisten wie gehabt absolut ratlos vor ihren Pferden und fragen sich, was sie tun müssen um aus ihrer Sackgasse zu kommen.

Theorie und Praxis – ein Paradoxon

Pferde, die keinen Schub mehr haben, dem Reiter unter’m Hintern wegrennen oder einfach nicht mehr handelbar sind, werden trotz bewiesener Wirkungslosigkeit gewisser Übungen gebetsmühlenartig mit ihnen traktiert, bis sie ihnen zum Hals heraushängen. Die Hoffnung, dass es irgendwann noch eine Umkehr zum Guten gibt, stirbt am Ende doch und mit ihr all die gut gemeinten Ratschläge zahlreicher Leidgenossen, deren Mitgefühl keine Grenzen kennt.

Als letzten Schuss im Lauf wird der Tierarzt konsultiert, der dann hoffentlich den langgehegten Verdacht auf Kissing Spines oder ähnlicher Defizite bestätigt. Gibt es keinen gelben Schein, läuft es wahrscheinlich auf einen psychischen Defekt raus. In beiden Fällen hat man ein Problem aber jetzt ist es wenigstens von offizieller Stelle abgesegnet und niemand kann einem vorwerfen nicht alles getan zu haben.

Es gibt eine Lösung!

Ich sage nicht, dass alles Alte gut ist, sondern nur dass es bereits ein Wissen gibt, das die Lösung für 90% der Alltags- Probleme, wie sie seit Jahren an der Tagesordnung sind, parat hat. Ein Wissen, das ganzheitlich aufgebaut ist und das Wesen des Pferdes in den Mittelpunkt stellt. Ein Wissen, das die Hebel, an denen man ansetzen muss, um tiefgreifende Transformations-Prozesse einzuleiten, kennt und um die Wichtigkeit der mentalen und physischen Balance weiß.

Wer verstanden hat, wie man sich die Instinkte des Pferdes auf natürliche Weise zunutze machen kann, der wird über das, worüber heute so heiß diskutiert wird, nur
noch milde lächeln können.

Aber es gibt einen Haken

Der gewöhnliche Mensch liebt seine Komfortzone. Er konsumiert das, was ihm vorgesetzt wird und an das er sich mittlerweile gewöhnt hat. Jedes „Über den Tellerrand schauen“ birgt die Gefahr es sich mit seinen Kollegen zu verscherzen und sich mit plötzlich aufkommenden Sinnfragen auseinandersetzen zu müssen, die das geordnete Leben kräftig in Unruhe bringen könnten. All diese Prozesse laufen in der Regel unbewusst ab aber sie verhindern in der Realität, dass sich etwas Grundlegendes verändern kann.

Was nur oberflächlich verstanden wird, kann nur oberflächlich weitergegeben werden und wird schnell in der Hitze des Alltags verdampfen.

Erst die Substanz gibt Halt aber dazu muss sie erst begriffen, gefühlt und verinnerlicht werden. Es braucht Mut auch jenseits des Schutzes virtueller Räume Fragen zu stellen und es braucht große innere Stärke wieder seinem eigenen Gefühl zu vertrauen, das eigentlich sehr schnell weiß, was gut und was schlecht ist.

Wenn wir anfangen unsere Instinkte wieder in unser Leben zu integrieren, haben wir den Grundstein gelegt uns auf einer tiefen Ebene mit unseren Pferden zu verbinden, wie es auf keine andere Weise möglich wäre.

Auch wären wir nun in der Lage die Dinge so zu sehen, wie sie tatsächlich sind, ohne wie so oft unserem verzerrten Urteilsvermögen aus der Vergangenheit zum Opfer zu fallen.

Wir sind also bereit für die frohe Botschaft und tauchen voller Elan in die Tiefen der
Lehren alter Meister ab, in der großen Hoffnung dort den Generalschlüssel zu finden, der unsere verriegelten Türen wieder öffnet.

Banal oder komplex?

Die erste Phase beginnt meist mit einem stillen Kopfnicken und wir hören uns möglicherweise sagen: „Klar, das ist doch logisch aber beileibe nichts Neues unter
der Sonne….“ Jetzt wird’s spannend, denn die meisten kehren an diesem Punkt um und entscheiden sich aufgrund der zu großen Banalität ihren alten Weg weiterzuverfolgen. Diesmal aber richtig.

Einige ganz wenige aber bleiben, denn ihr Gefühl sagt ihnen, dass das, was so schlicht und einfach erscheint in Wirklichkeit die Essenz einer großen Komplexität ist, die sich mit jedem Schritt in ihr Innerstes erschließen wird.

Intuitiv wissen sie, dass ein tiefes Verständnis dieser Botschaft bei ihnen selbst beginnt – mit dem Mut sich so zu sehen, wie man ist, bereit zu sein das zu geben, was man hat und das zu lernen, was einem fehlt. Das ist Demut und damit fängt alles an.

Der Wille ist da aber ohne Führung wird dieser Weg zu einer Mission Impossible, die die Kluft zwischen dem Wunsch all das zu begreifen und der Realität unüberbrückbar macht.

Und nun, was tun?

Es reicht bei Weitem nicht das theoretische Wissen über die alten Lehren zugänglich zu machen, da es viel zu viel Spielraum für falsche Interpretationen bietet. Aus dem Kontext gerissene Kernsätze können großen Schaden anrichten, weil es keine allgemein gültigen Referenzwerte gibt, mit denen man sie abgleichen könnte. Die Folge ist, dass wertvolle Gedanken in den endlosen Weiten des Reiter- Dschungels verebben, weil sie nicht kompatibel sind mit dem gewöhnlichen Denken von heute.

Es braucht meiner Meinung nach nicht noch mehr theoretische Abhandlungen, sondern kompetente Übersetzer, die nicht nur die Worte, sondern auch die Intention
dahinter verstehen und vermitteln können.

Wissen muss erfahrbar gemacht werden, sonst ist es wertlos.

Es braucht Menschen, die dieses Wissen aus erster Hand erhalten haben und die
verstanden haben wie man den berühmten Glanz in das Auge der Pferde zaubert – ohne Bestrafung, Bestechung oder Bemutterung und das jenseits aller
Hundeplätze dieser Welt.

Es braucht Lehrer, Mentoren und Trainer, die mit einem Weitwinkel-Objektiv auf die
Welt schauen, die nicht nur wissen wie es geht, sondern es auch praktizieren und mit jeder Faser ihres Körpers leben.

Es gibt solche Menschen aber sie sind so rar gesät, wie die, die von ihnen lernen wollen.

Die guten Lehrer arbeiten meist im Hintergrund und sind eher zurückhaltend, können aber auf den Punkt präsent sein, wenn es die Situation erfordert. Sie wissen was sie können, kennen aber auch ihre Grenzen. Das macht sie demütig und manchmal auch ein wenig schüchtern. Wenn sie fühlen, dass jemand aus tiefster Seele „die Wahrheit“ sucht, geben sie alles, so wie mein Mentor Don Barnes vor über 25 Jahren….

„Pferde und Menschen brauchen das Gleiche um ihre Potentiale zu entfalten. Jemand, der ihnen Ruhe, Klarheit, Sicherheit und Vertrauen schenkt. Jemand, der sie versteht, sie motiviert und an sie glaubt.“

Don war nicht nur ein begnadeter Pferdetrainer, sondern ein beliebter und erfolgreicher Coach für Amateure, von dem ich erheblich mehr gelernt habe, als nur Pferde zu trainieren.

Im Grunde genommen vermittelte er Lebensprinzipien, von denen ich bis heute profitiere und die seit Jahren ein fester Bestandteil meiner Arbeit sind. Ich weiß nicht was aus mir geworden wäre, wenn ich Don nicht begegnet wäre und ich frage mich, wie dieses und andere wertvolle Wissen weitergegeben werden soll, wenn es keine Lehrer mehr gibt.

Lehrer, die ihren Schülern die Zeit und den Raum geben sich zu entwickeln, die wissen, wie sie Talente aufspüren und lenken können, ohne ihre Schüler zu verbiegen. Lehrer, die ihre Ruhe auf ihr Umfeld übertragen und in der Lage sind
eine Atmosphäre zu schaffen, die optimales Wachstum erlaubt. Es versteht sich von selbst, dass diese Kompetenzen auch den Umgang mit den Pferden einschließen.

Don war einer von den Guten und als ich ihn damals fragte, warum er mir all diese
Dinge vermittelte, sagte er in seiner ganz sanften und einfühlsamen Art:

“Micky, someday you will also meet people who want to know what you know and I want you to teach them everything I taught you – that way the message won’t die.“

Erst Jahre nach Dons Tod habe ich den wahren Wert seiner Lehren verstanden und ihm postum versprochen dieses Wissen mit all den Menschen zu teilen, die offen dafür waren.

Andrea Klasen, eine befreundete Buchautorin hat es auf den Punkt gebracht, als sie mit roten Lettern unter mein Buchmanuskript schrieb: „Michi, setz’ ihm ein Denkmal!“

Für viele mögen solche Botschaften zu banal sein, zu wenig strukturiert und zu altmodisch aber für diejenigen, die sich darauf einlassen, wird sich nicht nur die
Pferde-Welt verändern.

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Über Michaela Koelbl

In über 20 Jahren Arbeit mit den unterschiedlichsten Pferden und Menschen im In-und Ausland konnte sie eine Trainings-Philosophie entwickeln, die Rittigkeitsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, sowie Verladeprobleme von Sport-und Freizeitpferden gewaltfrei und effektiv löst.

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