Alte Meister in virtuellen Räumen

Nov 11

In dem Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ beschreibt Manufactum seine Philosophie, die für hochwertige, langlebige und teils traditionelle gefertigte Waren steht. https://de.wikipedia.org/wiki/Manufactum

Wie sieht das im Bezug auf die Arbeit mit Pferden aus? Gibt es da auch sowas wie objektive Qualität, die unabhängig vom Zeitgeist ist? Ja, es gibt sie und das Internet ist voll davon, aber das heißt nicht, dass dieses Wissen auch (richtig) genutzt wird.

Auch wenn sich viele Social Networker in den einschlägigen Foren sehr euphorisch zu den ursprünglichen Lehren und Philosophien der alten Meister äussern und allzu gerne das ein oder andere Zitat einer verstorbenen Reiterlegende aus dem Ärmel ziehen, gehen sie doch am liebsten bei Muttern essen.

Da wird stundenlang über den Sinn oder Unsinn von Vorwärts-Abwärts Reiten diskutiert, es wird geliked und geteilt, was das Zeug hält aber am Ende stehen die meisten wie gehabt absolut ratlos vor ihren Pferden und fragen sich, was sie tun müssen um ihr Pferd endlich auf die Hinterhand zu bekommen, es vernünftig zu führen oder zu verladen.

Theorie und Praxis – oft ein Paradoxon

Pferde, die keinen Schub mehr haben, dem Reiter unter’m Hintern wegrennen oder einfach nicht mehr handelbar sind, werden trotz bewiesener Wirkungslosigkeit gewisser Übungen gebetsmühlenartig mit ihnen traktiert, bis sie ihnen zum Hals heraushängen. Die Hoffnung, dass es irgendwann noch eine Umkehr zum Guten gibt, stirbt am Ende doch und mit ihr all die gut gemeinten Ratschläge zahlreicher Leidensgenossen, deren Mitgefühl keine Grenzen kennt.

Als letzten Schuss im Lauf wird der Tierarzt konsultiert, der dann hoffentlich den langgehegten Verdacht auf Kissing Spines oder ähnlicher Defizite bestätigt. Gibt es keinen gelben Schein, läuft es wahrscheinlich auf einen psychischen Defekt raus. In beiden Fällen hat man ein Problem aber jetzt ist es wenigstens von offizieller Stelle abgesegnet und niemand kann einem vorwerfen nicht alles getan zu haben.

Es gibt eine Alternative

Ich sage nicht, dass alles Alte gut ist, sondern nur dass es bereits ein Wissen gibt, das die Lösung für 90% der Alltags- Probleme, wie sie seit Jahren an der Tagesordnung sind, parat hat. Ein Wissen, das ganzheitlich aufgebaut ist und das Wesen des Pferdes in den Mittelpunkt stellt. Ein Wissen, das die Hebel, an denen man ansetzen muss, um tiefgreifende Veränderungsprozesse einzuleiten, kennt und um die Wichtigkeit der mentalen und physischen Balance weiß.

Wer verstanden hat, wie man sich die Instinkte des Pferdes auf natürliche Weise zunutze machen kann, der wird über das, worüber heute so heiß diskutiert wird, nur noch milde lächeln können.

Aber es gibt einen Haken. Der gewöhnliche Mensch liebt seine Komfortzone. Er konsumiert das, was ihm vorgesetzt wird und an das er sich mittlerweile gewöhnt hat. Jedes „Über den Tellerrand schauen“ birgt die Gefahr es sich mit seinen Kollegen zu verscherzen und sich mit plötzlich aufkommenden Sinnfragen auseinandersetzen zu müssen, die das geordnete Leben kräftig in Unruhe bringen könnten. All diese Prozesse laufen in der Regel unbewusst ab, aber sie verhindern, dass sich etwas Grundlegendes verändern kann.

Was nur oberflächlich verstanden wird, kann nur oberflächlich weitergegeben werden und wird schnell in der Hitze des Alltags verdampfen.

Erst die Substanz gibt Halt aber dazu muss sie erst begriffen, gefühlt und verinnerlicht werden. Es braucht Mut auch jenseits des Schutzes virtueller Räume Fragen zu stellen und es braucht große innere Stärke wieder seinem eigenen Gefühl zu vertrauen, das eigentlich sehr schnell weiß, was gut und was schlecht ist.

Banal oder komplex?

Einige von uns sind trotz allem bereit für einen Ausflug in das Unbekannte und tauchen voller Elan in die Tiefen der Lehren alter Meister ab, in der großen Hoffnung dort den Generalschlüssel zu finden, der ihre verriegelten Türen wieder öffnet.Die erste Phase beginnt meist mit einem stillen Kopfnicken und wir hören uns möglicherweise sagen: „Klar, das ist doch logisch aber beileibe nichts Neues unter der Sonne…“ Jetzt wird’s spannend, denn die meisten kehren an diesem Punkt um und entscheiden sich aufgrund der zu großen Banalität ihren alten Weg weiterzuverfolgen. Diesmal aber richtig.

Einige ganz wenige aber bleiben, denn ihr Gefühl sagt ihnen, dass das, was so schlicht und einfach erscheint in Wirklichkeit die Essenz einer großen Komplexität ist, die sich mit jedem Schritt in ihr Innerstes erschließen wird. Intuitiv wissen sie, dass ein tiefes Verständnis dieser Botschaft bei ihnen selbst beginnt – mit dem Mut sich so zu sehen, wie man ist, bereit zu sein das zu geben, was man hat und das zu lernen, was einem fehlt. Das ist Demut und damit fängt alles an.

Der Wille ist da, aber ohne Führung wird dieser Weg zu einer Mission Impossible, die die Kluft zwischen dem Wunsch all das zu begreifen und der Realität schier unüberbrückbar macht.

Und nun, was tun?

Es reicht bei Weitem nicht das theoretische Wissen über die alten Lehren zu konsumieren, da es viel zu viel Spielraum für falsche Interpretationen bietet. Aus dem Kontext gerissene Kernsätze können großen Schaden anrichten, weil es keine allgemein gültigen Referenz Werte gibt, mit denen man sie abgleichen könnte. Die Folge ist, dass wertvolle Gedanken in den endlosen Weiten des Reiter- Dschungels verebben, weil sie nicht kompatibel sind mit dem gewöhnlichen Denken von heute.

Wissen muss erfahrbar gemacht werden, sonst ist es wertlos.

Es braucht meiner Meinung nach nicht noch mehr theoretische Abhandlungen, sondern kompetente Übersetzer, die nicht nur die Worte, sondern auch die Intention dahinter verstehen und vermitteln können.

Es braucht Menschen, die dieses Wissen aus erster Hand erhalten haben und die verstanden haben wie man den berühmten Glanz in das Auge der Pferde zaubert. Es braucht Lehrer, Mentoren und Trainer, die mit einem Weitwinkel-Objektiv auf die Welt schauen, die nicht nur wissen wie es geht, sondern es auch praktizieren und mit jeder Faser ihres Körpers leben.

Es gibt solche Menschen aber sie sind so rar gesät, wie jene, die von ihnen lernen wollen.

Die guten Lehrer muss man suchen. Sie arbeiten meist im Hintergrund und gehen mit ihrem Wissen nicht auf die Jagd. Sie vertrauen darauf, dass sie gefunden werden und wenn sie fühlen, dass jemand aus tiefster Seele „die Wahrheit“ sucht, geben sie alles.

Sie vermitteln nicht nur ihr Wissen, sondern geben ihren Schülern auch die Zeit und den Raum sich zu entwickeln. Sie spüren versteckte Talente auf und lenken sie ohne ihre Schützlinge zu verbiegen. Sie übertragen ihre Ruhe auf ihr Umfeld und schaffen eine Atmosphäre, die optimales Wachstum erlaubt. Ein guter Lehrer ist der der Mörtel, der die Steine zusammenhält.

Pferde und Menschen brauchen das Gleiche um ihre Potentiale zu entfalten. Jemand, der ihnen Ruhe, Klarheit, Sicherheit und Vertrauen schenkt. Jemand, der sie versteht, sie motiviert und an sie glaubt.

Ich wünsche jedem, der ernsthaft nach Antworten sucht, dass er seinen Weg beständig weiter geht und den Lehrer findet, der ihm neue Horizonte eröffnet.

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Über Michaela Koelbl

In über 20 Jahren Arbeit mit den unterschiedlichsten Pferden und Menschen im In-und Ausland konnte sie eine Trainings-Philosophie entwickeln, die Rittigkeitsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, sowie Verladeprobleme von Sport-und Freizeitpferden gewaltfrei und effektiv löst.

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